Auf zwei Rädern: Amsterdam mal anders

Hering-Sandwiches, expressionistischer Stil und postindustrielle Kulturzentren – das ist nicht euer typisches Amsterdam. Macht es wie die Einheimischen und erkundet die Stadt auf zwei Rädern – mit diesem alternativen Stadtführer.

Die meisten Hotels bieten Leihräder an, dazu könnt ihr besagte Räder in vielen Geschäften ausprobieren. Die Stadt selbst ist mit Radwegen übersät und sehr sicher. Außerdem müsst ihr in einem der flachsten Orte der Welt, keine Angst haben, ins Schwitzen zu kommen. Los!

Café Wildschut

Ein Kaffee, dann Craft Beer

Wir starten unsere Radtour in Wildschut. Wildschut ist ein Café-Urgestein von Oud Zuid, ein Vorzeigebeispiel der Amsterdamer Schule in rotem Backstein auf halbem Wege zwischen Expressionismus und Art Déco. Die gesamte Kreuzung ist eine Ansammlung von Projekten dieses Ziegelstein-Expressionismus. Aber genug davon; Zeit für Kaffee. Die Mittagskarte hat auch durchaus gute Angebote, aber geduldet euch noch, in Sachen Essen kommt noch einiges.

Der Albert-Cuyp-Markt in De Pijp ist der belebteste Markt der Stadt. Die Straßenhändler preisen in nahezu grotesker Lautstärke ihre Ware an, eine Show, von der ihr nur wenig verstehen werdet, wenn Ihr kein Niederländisch sprecht. Einfach lächeln und nicken. Schließlich geht es uns gerade nur ums Essen. Clubandwiches mit rohem Hering, einmal Kibbeling (Fischsnack), frische Stroopwafels und noch mehr – ihr radelt ja, also müsst ihr kein Auge für Kalorien haben.

Die Brouwerij’t IJ

Der Markt endet am Kanal, wo ein nostalgisches Wahrzeichen über dem Wasser ragt. Ihr könnt Brouwerij’t IJ nicht verfehlen. Ihre Windmühle, die höchste der Niederlande, ist die Visitenkarte der rustikalen Brauerei und ziert weltweit Bierflaschen. IPAs und Triples sorgen für Erfrischung, dann ist es auch schon Zeit ist, zu unserem nächsten Stopp zu radeln.

Die portugiesische Synagoge. Bild: iStock

Von der Synagoge zur Tulpe

Die portugiesische Synagoge ist seit Jahrhunderten das Zentrum des jüdischen Lebens in Amsterdam. Als sie ihre Tore im Jahre 1675 öffnete, war es die größte Synagoge Europas. Hier lebte die sephardische Gemeinde, die wegen der Inquisition zwei Jahrhunderte zuvor aus Iberien geflohen war. Die mächtigen Säulen und schweren Kandelaber, die sauberen Holzbänke und kahlen Wände strahlen eine subtile Schönheit aus. Echte Schätze liegen in der Ets Haim-Bibliothek verborgen – es ist die älteste jüdische Bibliothek der Welt. Ihre beispiellose Sammlung hat die Inquisition und den Faschismus des 20. Jahrhunderts überstanden. Euer Ticket beinhaltet auch den Eintritt in das Joods Historisch Museum, wo ihr mehr über die jüdische Gemeinde von Amsterdam erfahrt.

Auf der anderen Straßenseite breiten sich Reihen von weißen Zelten aus. Dies ist der Waterloopleinmarkt, Amsterdams liebster Flohmarkt. Die Schnäppchenjagd beginnt. Günstige Vintage-Kleidung, holländische Kuriositäten, aber auch so einiges an Trödel wartet darauf, gefunden zu werden. Schnallt euren Fund gut am Gepäckträger fest – es geht weiter.

Bloemenmarkt. Bild: Gettyimages

Unser nächster Zwischenstopp ist ein Klassiker.  Es wäre eine Schande, den Bloemenmarkt nicht wenigstens im Vorbeifahren zu grüßen. Am Kanal erstrecken sich schier endlose Blumenstände auf festliegenden Booten, eine Tradition, die Jahrhunderte zurückreicht. Tulpen sind in der Hauptsaison ein Muss. Oder kauft direkt Tulpenzwiebeln und holt euch ein Stück Niederlande nach Hause.

Etwas für den Geist und die Seele

Unterdessen geht es etwas tiefer in den Kanalring. Der Buchmarkt am Oudemanhuispoort ist Treffpunkt für Akademiker, Intellektuelle und alle hellen Köpfchen. Unter den Bögen des Universitätsgebäudes stapeln sich die dicken Bände. Darunter sind viele Bücher auf Englisch, wenn ihr keine Lust auf Niederländisch habt. Ein ruhiger Spot, der sich perfekt für eine kurze Pause abseits der belebten Kanalwege eignet. Den Urlaubsschmöker in der Hand machen wir uns auf.

Lesestunde am Oudemanhuispoort

In einer unauffälligen Gasse im Herzen des berüchtigten Rotlichtviertels verbirgt sich ein Relikt. Wynand Fockink ist eines der ältesten Proeflokaals der Stadt, eine niederländische Verkostungsstätte, die seit 1679 ihren eigenen Genever (Wachholderschnaps) distilliert. Eichenregale krümmen sich unter dem Gewicht von Spirituosenflaschen. Der Barkeeper hilft euch dabei, sich durch ein paar davon zu probieren, bevor ihr euch für eines davon entscheidet. Das Ganze wird begleitet von einer kurzen Geschichte der Bar und des Getränkes. Euer Lieblingsgetränk wird dann bis zum Rand in ein gebogenes Glas gegossen, sodass ihr erst daran nippen müsst. Aber belasst es nur bei einem Drink, da wir schon auf den Weg zum nächsten sind.

Amsterdams braune Cafés

Das Café Brandon, eines von vielen guten traditionellen braunen Cafés – eine Art holländischer Pub – ist ein Ort, wie kein anderer. Die Eckkneipe ist wie eine Zeitkapsel. Das gleiche Ehepaar führte die Bar seit über 40 Jahren, bevor sie in den 80ern eine zeitlang schloss. Zwanzig Jahre später öffneten die neuen Eigentümer die Türen und änderten absolut nichts (in einer der Lounges hängt noch ein Porträt der ursprünglichen Besitzer).

Das Café Papeneiland zwischen Brouwersgracht und Prinsengracht. Bild: Gettyimages

Zwei Brücken und zwei Kanäle weiter liegt ein weiteres malerisches braunes Café, aber diesmal sind wir nicht der Getränke wegen hier. Tut uns Leid. Das Café Papeneiland ist berühmt für seinen Apfelkuchen. Er gilt als der Beste der Stadt und zieht Promis aus der gesamten Welt an (vor allem Bill Clintons Besuch machte hier großen Eindruck). Das Interieur ist ziemlich speziell; blickt euch ruhig gut um, die Einrichtung ist seit 1642 unverändert.

Nach dem Westerpark machen wir am Het Schip Halt, ein Amsterdamer Schulprojekt, das zuerst ein soziales Wohnungsbauprojekt war, das Michel de Klerk 1921 für Eisenbahn-Angestellte entwarf. Es wird oft als Arbeitertempel bezeichnet, da es im üppigen expressionistischen Stil gestaltet wurde. In seiner Mitte ragt ein mutiger Turm nach oben, und erweckt mit den Seitenflügeln des Gebäudes den Eindruck eine Vogels, der seinen Hals nach oben reckt. 

REM Eiland. Bild: damscape.com

Ein Abend am Hafen 

Zeit für Abendessen. Nur einen Katzensprung von Het Schip liegen zwei bemerkenswerte Restaurants am Hafen. Zum Glück sind sie direkt nebeneinander. Pont 13 ist eine fest verankerte und umgebaute IJ-Fähre aus den 30er Jahren, die jetzt als Gastro-Pub Köstlichkeiten (Steaks, Burger) serviert. Wem das zu unkultiviert ist, der macht den Sprung zu REM Eiland. Nicht zu verfehlen, denn sein feuerrotes Äußeres ragt hoch über dem Ponton hervor. Einst von Nordsee-Wellen gepeitscht, wurde von der Plattform in den 60er-Jahren Piratenfunk gesendet. Heute hat sie ihre Identität gewandelt und beherbergt ein Gourmetrestaurant. Bei schönem Wetter könnt ihr einen Aperitif im Freien genießen – die Bar ist auf dem Hubschrauberlandeplatz!

NDSM. Bild: amsterdamian.com

Wenn die Sonne untergeht, bringt euch die kostenlose IJ-Fähre nach NDSM. NDSM? Das postindustrielle Kollektiv aus Street Art und trendigen Bars liegt eine halbe Welt weg vom Weltkulturerbe Kanalring. Nach einem Absacker bringt die Fähre euch wohlbehalten ins Stadtzentrum zurück.

Das war’s schon! Eine Seite von Amsterdam, die ihr sonst vielleicht verpasst hättet. Und wer hat etwas gegen Apfelkuchen?